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Selbsterkenntnis und Selbstkompetenzen

Aktualisiert: 17. Jan. 2019


Selbsterkenntnis und Selbstkompetenzen

Auf welche Fähigkeiten kommt es im Arbeitsalltag an, wenn es darum geht, die Herausforderungen im zwischenmenschlichen Miteinander zu meistern?

Nachfolgend möchte ich Ihnen einige Ideen aufzeigen, die sowohl aus eigener Praxiserfahrung stammen als auch aus den wertvollen Arbeiten namhafter Wissenschaftler.

In diesem Artikel werde ich Ihnen nicht die Lösung für Ihre persönliche Selbsterkenntnis liefern, denn das können nur Sie, sondern vielmehr Ideen zum selber Nachdenken geben.

Im Arbeitsalltag werden Sie als Führungskraft mit unterschiedlichen zwischenmenschlichen Situationen konfrontiert. Dabei kommt es auf die einst erlernten Kommunikationstechniken an und deren Basis, nämlich Ihre Persönlichkeit. Um diesen Gedanken bildhaft darzustellen; jedes Gebäude ist nur so stabil wie sein Fundament.

Das folgende Übungsmodell, das auf den wissenschaftlichen Arbeiten des amerikanischen Systempsychologen und Organisationsberaters David Kantor basiert, verdeutlicht diesen Gedanken.

Stellen Sie sich vor, Sie haben drei Kreise aus Seil vor sich liegen, die einander überschneiden. Der…

1. Kreis trifft Aussagen über die Merkmale Ihrer Persönlichkeit, der

2. Kreis über die Profession, die Sie erlernt haben und der

3. Kreis darüber, in welcher Rolle bzw. Position Sie sich heute befinden.

Dieses Modell der drei Kreise zeigt, dass alle Entscheidungen, die Sie im Laufe Ihres Lebens treffen, auf Ihren persönlichen Eigenschaften basieren. Diese werden Ihnen in folgenden Situationen klar: bei der Entscheidung, ob ein Zukauf eines weiteren Unternehmens ein Wachstumspotential darstellt oder nicht; bei der Überlegung, ob Sie für die Stelle des CEO kandidieren wollen, oder bei der Beobachtung eines Geschehens, das eine Reaktion von Ihnen erfordert. Der passende Terminus technicus für alle diese Ereignisse heißt: Tu es selbst! Denn alle Entscheidungen, die Sie fällen, liegen Ihrer Persönlichkeit zugrunde, die mit der Außenwelt korrespondiert.

Goethe hat diese Erkenntnis trefflich beschrieben:


„Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes erkennen; denn er misst nach eigenem Maß sich bald zu klein und leider oft zu groß. Der Mensch erkennt sich nur im Menschen und nur das Leben lehret jeden, was er sei.“ Johann-Wolfgang Goethe


Erkennen

Es kommt darauf an, wie Sie persönlich Ihren eigenen Weg finden und lernen, mit Situationen und Ereignissen im Leben umzugehen, und welche Erkenntnisse Sie daraus ziehen.

Der Prozess des Erkennens spielt dabei eine fundamentale Rolle. Aus der Sicht der Neurobiologie wird es so beschrieben, dass das Erkennen durch die Sensorien wie Hören, Sehen, Fühlen, Spüren, Tasten und Schmecken im Zusammenspiel mit dem zentralen Nervensystem geschieht.

Dieser Austausch ist immer aktiv und verarbeitet ständig die Reize, die Sie aufnehmen. Und das ein Leben lang.

Mit jeder Erkenntnis ändert sich unser autobiografisches Repertoire, also der persönliche Erfahrungsschatz. Wenn Sie als Jugendlicher Streitsituationen gemieden haben, weil sie für Sie unangenehm waren, und als Erwachsener erfahren Sie eine andere Art von Streitgespräch und sie erkennen, welchen Sinn ein solches Gespräch haben kann, dann hat sich Ihr Bild über Streitgespräche durch diese Erkenntnis geändert.


Erfahrungen

Wenn wir uns fragen, was wir Menschen benötigen, damit wir uns im Leben zurechtfinden, dann ist es nicht das auswendig gelernte Wissen, denn das stammt von jemand anderem und hat für unsere eigenen Weltansichten kaum Bedeutung. Was der Mensch braucht, sind Erfahrungen, die ihn persönlich prägen und innerlich wachsen lassen.

So können Sie Ihre eigenen Ansichten, Meinungen und persönlichen Handlungsarten entwickeln, wie Sie mit anderen Menschen kommunizieren, mit ihnen umgehen beziehungsweise wie Sie mit Ihrer Umwelt in Interaktion treten und diese aufrechterhalten.

Erfahrungen helfen uns in Situationen mit Freunden, mit Kollegen und mit Vorgesetzten, um diese Begegnungen zu unterscheiden und nicht nur zu vergleichen. Bei einer Unterscheidung geht es buchstäblich um die Unterschiedlichkeit der Erlebnisse und Ereignisse. Ein Beispiel: In der Firma X, wo Sie einst arbeiteten, gab es ein Kommunikationsproblem zwischen Ihnen und Ihren Mitarbeitern. Jetzt befinden Sie sich wieder in einer ähnlichen Situation. Anhand Ihrer Erfahrung in der Firma X haben Sie nun die Möglichkeit zu reflektieren und die damalige Situation von der heutigen zu unterscheiden, damit die beiden Erfahrungen nicht vermischt werden und Sie eine klare Sicht auf die Situation behalten.

So kommen Sie nicht in eine wertende Haltung, sondern Sie geben der neuen Erfahrung eine andere Bedeutung und den Beteiligten – in dem Fall Ihren aktuellen Mitarbeitern – die Möglichkeit, sich selbst zu sein.


Ein Gefühl für sich

„Andere Menschen zu kennen, ist klug, sich selbst zu kennen, ist weise!“

Laotse/Chinesischer Philosoph

Natürlich ist es toll, wenn andere Menschen uns gut kennen und uns gute, zumindest gut gemeinte Ratschläge oder Vorschläge geben. Das Allerwichtigste ist es jedoch, dass wir uns selbst am besten kennen und wir für uns ein Gespür dafür entwickeln, wie es uns in verschiedenen Situationen geht.

Wie können Sie bestimmte Empfindungen erkennen und diese unterscheiden (nicht nur vergleichen!), beispielsweise ob Sie wirklich krank sind oder ob es „bloß“ eine Situation in Ihrem Leben ist, die Sie krank fühlen lässt.

Antonio Damasio, ein portugiesischer Hirnforscher und Neurowissenschaftler, führte Mitte der 90er-Jahre den Begriff somatischer Marker (sōma: aus dem Griechischen für Körper, Marker: markieren, kennzeichnen) ein.

Sie befinden sich beispielsweise in einer Situation, in der Sie sich für oder gegen etwas entscheiden müssen und in Ihrem Bauch steigt ein ungutes Gefühl hoch. Sie bekommen das Gefühl des „Fühlwissens“, das wollen Sie nicht.

Mit somatischen Markern bezeichnet man körperliche Empfindungen, die uns einen Hinweis für eine bestimmte Situation geben. Sie bieten weder die Lösung noch eine Erklärung, sondern sie sind Erinnerungsmechanismen Ihres Körpers, auf die Sie sich verlassen können. Die Frage ist nur: Kennen Sie Ihren Körper so gut, dass Sie solche Rückmeldungen Ihres Körpers wahrnehmen und entsprechend deuten können?

Es handelt sich um die Fähigkeit, Ihre körpereigenen Signale wahrzunehmen und sie richtig zu deuten, egal ob Sie in dem Moment eine schöne oder eine unangenehme Situation erleben oder wenn Sie etwas Großes vollbracht haben. Auch das merkt sich Ihr Körper und gibt Ihnen in der Zukunft eine entsprechende Rückmeldung darüber, ob das, was Sie in dem Moment vorhaben zu tun, ein angenehmes oder ein unangenehmes Ereignis werden kann.

All diese Prozesse des Erkennens, der Zuordnung der empfundenen Gefühle einer bestimmten Situation, dienen dazu, unsere Erfahrungen anzureichern, damit wir täglich die Möglichkeit bekommen, an ihnen zu wachsen.

Sie entwickeln dabei unverwechselbare körperliche, emotionale und kognitive Fähigkeiten/Kompetenzen, mit denen Sie Ihr Leben immer wieder ins Gleichgewicht bringen können. Einen starren Zustand der Balance werden Sie niemals erreichen, aber Sie kommen mit Ihren im Laufe Ihres Lebens selbst erworbenen körperlichen, emotionalen und kognitiven Fähigkeiten immer wieder ins Gleichgewicht. Wann genau Sie diese für sich entwickeln, ist nicht so wichtig, als dass Sie damit überhaupt anfangen!

Der Anthropologe, Biologe, Kybernetiker und Philosoph Gregory Bateson drückte es so aus: „Der Seiltänzer versucht nicht sein Gleichgewicht zu halten, sondern korrigiert sein Ungleichgewicht immer wieder aus.“


Anpassungsfähigkeit

Der Begriff der Anpassungsfähigkeit wird oft mit der Angleichungsfähigkeit verwechselt. Wenn Sie in der Lage sind, sich an die unterschiedlichsten Herausforderungen Ihres Alltags bzw. Ihres Lebens anzupassen, dann wissen Sie, wie Sie in der jeweiligen Situation agieren oder reagieren müssen oder sollen.

Die sogenannten Erfolgsmenschen waren im Laufe Ihres Lebens immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen sie sich an Gegebenheiten/Voraussetzungen anpassen und eigenständig eine Bewältigungsstrategie überlegen mussten, um in und mit der Situation klarzukommen.

Ein bekanntes Beispiel aus der Praxis verdeutlicht jedoch das Gegenteil, nämlich wenn Sie nach einigen Monaten und völlig überarbeitet mit einem Gefühl der Erschöpfung und Kraftlosigkeit (um nur einige Symptome zu nennen) zum Arzt gehen und er sagt zu Ihnen: „Sie sind momentan auf dem Weg in ein Burnout.“

Dies bedeutet in der Fachsprache der Psychologie/Psychiatrie, dass Sie unter einer Anpassungsstörung leiden als Reaktion auf Belastungen. Solche Belastungen können beispielsweise das Beenden einer Beziehung, Eheprobleme, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz oder Mobbing sein. Ihre Bewältigungsfähigkeit einer oder verschiedener Belastungen ist stark reduziert.

Der Ausdruck Selbstwirksamkeitserfahrung ist ein Prozess, der sich in Ihrem Alltag mehrfach wiederholt, also rekursiv ist. Er ist ein trefflicher Begriff, um den Prozess der Selbsterkenntnis und die dabei entstehenden Selbstkompetenzen zu beschreiben.

Meine letzten Zeilen gelten der Umsetzung. Wenn Sie in diesem Artikel etwas gefunden haben, das Sie zum Überlegen angeregt oder Sie zu einem weiteren Gedanken gebracht hat, dann ist es genau das, worauf es meiner Meinung nach ankommt.


Julius Hargitai, Zürich, 21. Juni 2016

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